Buch vs. Film: Rambo – First Blood

 © Grand Central Publishing / © 1976 Canal+ D.A.Wie es aussieht, verdankt Sylvester Stallone einen Bruchteil seiner Action-Ikonisierung einem, jawohl, einem Apfel. 1968 begann der 25-jährige Literaturdozent David Morrell an seinem Debütroman First Blood zu werkeln. Sein Protagonist: John Rambo, benannt nach der Apfelsorte Rambo und angeblich skizziert nach dem amerikanischen Kriegshelden Audie Murphy. Alles andere als mit Obst beschäftigt sich First Blood nämlich mit der Auseinandersetzung von Post-traumatischen Stresssymptomen von kampffixierten Kriegsveteranen und der Frustration der amerikanischen Gesellschaft auf den verlorenen Vietnamkrieg, die rigoros an vielen heimgekehrten Soldaten ausgelassen wurde. Puh. Ganz schön schwermütiger Gefühlsschinken, für einen Charakter, dessen Name heute eigentlich nur noch als Inbegriff der ultimativen Kampfmaschine fungiert und dem Terminator im Zerstörungswahn in Nichts nachsteht.

Wer der katastrophalen Zerstörung in Film oder Buch bereits beigewohnt hat, hat eine ungefähre Vorstellung wie die Entstehung des Films von Statten ging. Es ist wohl nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt, wenn man von einem Battle of the Scripts spricht. Rund sechsundzwanzig Skripte, etliche Studios und eine Reihe namhafter Mimen kamen in Fragen, aber nie sollte es sein. Und dann, als man Steve McQueen mit seinen damals über 40 Jahren doch irgendwie als zu alt für die Rolle des Rambo befand, und Kirk Douglas, der Colonel Trautman spielen sollte, wortlos das Set verließ und nie wieder gesehen wart, weil man seine Skriptänderungen nicht wollte, sollte es doch sein. Actionfilme mit dem typischen Anti-Helden, wie wir sie heute kennen, wurden geboren und Sylvester Stallone der dazugehörige Posterboy einer Nachkriegsgeneration.

Buch vs. Film: Rambo – First Blood

David Morrells Schreibstil ist kein unerwartet packender, seine Charaktere sind jedoch kantig und krallen sich bis zum Ende an ihrer eingefleischten Sturheit fest. Einblicke in die taktische Vorgehensweise von Zerstörer Rambo, der noch viel getriebener und um einiges trotziger wirkt als im Film, überwiegen. Auf dem Papier will er es wissen, reizt es aus, nur weil er kann. Verbittert, unnahbar und abgestumpft bewegt sich die Romanvariante, neben der sein Filmpendant fast schon einem laschen Softie gleicht. Vom Cheer for the underdog, die Sly zu einem geschickt wechselhaften Soundtrack vor der ideal gewählten Landschaftskulisse vermittelt und vorbildlich mit einem befreienden Stream-of-Consciousness bis aufs Letzte ausmerzt, gibt es im Roman nur ansatzweise eine Spur. Morrells Rambo bringt Vietnam nach Amerika und geht ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen,  Ted Kotcheffs Rambo wehrt sich primär gegen die dickbäuchige großmäulige Kleinstadtpolizei, verschont, wo er kann, und fungiert wie eine Art Frankenstein, dessen Existenz mehr seinem Ausbilder Trautman zusteht, als sich selbst. Gnade ist kein Fremdwort für ihn. Dank einem Vorschlag von Sly fügt John Rambo in keiner Szene einem Menschen absichtlich tödliche Wunden zu, was vermutlich der ausschlaggebende Faktor dafür ist, dass man am Ende auf der Couch hüpft und „WIN! ROCK-ÄH-RAMBO! WIN!“ fordert.

SPOILER: Ob das Universum Rambo II, III und IV gebraucht hätte, sei mal dahingestellt. (Obwohl wir uns alle einig sein müssten, dass Momente wie die Das-ist-blaues-Licht-was-macht-es-es-leuchtet-blau-Anekdote kaum jemand missen möchte.) Als First Blood zum ersten Mal gescreent wurde, löste das Filmfinale einen Sturm im Saal aus. Schließlich nahm es in der Geschichte – wie schon im Roman – mit dem Hauptcharakter kein gutes Ende. Erbost über ihren dahin geschiedenen Underdog zürnte das Testpublikum an Ort und Stelle gegen die Regie und prompt wurde das Ende zum Wohlsein Rambos neu gedreht. Besser so, und das findet nicht nur Sly, der Rambo als Co-Writer von Beginn an lebend aus der Sache herausgehen sehen wollte. In der Buchvorlage ist das Ableben beider Hauptprotagonisten zweifellos passend, die stark abweichende Kinoversion jedoch verlangt ein abgeändertes Finale.

Sieger: Film, denn die Relation zwischen Plot und Umsetzung ist weitaus kompatibler als in seiner Vorlage.

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