Ein Flaniertag auf der Frankfurter Buchmesse

Im Kalender knubbeln sich seit Wochen die Termine, vorgemerkte Veranstaltungen wollen wegetechnisch gut durchdacht sein und das perfekte Outfit hängt eh schon seit September faltenlos im Schrank. Nicht in diesem Jahr, dachte ich. Ein opportunistischer Tag auf der Frankfurter Buchmesse 2013 mit dem Plan planlos zu sein und der Lizenz zum regellosen Umhergurken.  

Frankfurter Buchmesse 2013Freitag, 11. Oktober

10:10 Oh, Sweet Frankfurt Messegelände! Da bin ich wieder. Dank (un)vorhersehbarem Zwischenfall bei der Deutschen Bahn natürlich mit der obligatorischen Verspätung. „Liebe Gäste, unsere Scheibenwischer sind defekt, wir müssen daher die Fahrtrichtung wechseln“, hieß  es da nämlich plötzlich. Aber, das juckt mich gar nicht. Flaniere ja schließlich heute als Opportunist durch die Hallen. Eile mit Weile. So und nicht anders lautet er – mein zweiter Vorname. Beim Anblick des hibbeligen Mitzwanzigers im aalglatten Anzug und mit Hipsterfrisur auf der Rolltreppe vor mir vermag ich – suhlend in meinem Überdruss an unverplanter Zeit – bloß zu lachen.

10:15 Laufen und (Zum ersten Mal in zehn Jahren!!!) die Messezeitung lesen? Klappt super! Meine Füße wissen schon wohin, die ollen Draufgänger.

10:20 Halle 3.0? Literatur, Comic, Kinder- und Jugendbuchmedien? Ihr seid mir ja zwei Klischeemiezen, Füße.

10:25 Hypnotisiert von der Ullsteiner Büchereule, prüfe ich gemächlich, was denn dieses Jahr für Lesestoff in ihrem Gefieder liegt. Ich frage mich, ob diese Eulenfigur, die einen seit Jahren anstarrt, einen Namen hat? Gehört ja quasi schon zur Belegschaft und ist außerdem das zweite inoffizielle Wappentier Berlins. Da die Ullstein-Mitarbeiterinnen alle sehr geschäftig ausschauen (im Gegensatz zu mir Ruhepol), taufe ich sie einfach kurzerhand Ulli Ullstein.TOPP LAB

10:45 Boxenstopp bei den abgedrehten Damen ..ähm, meinen kompetenten Kolleginnen am TOPP LAB-Stand, welcher weniger ein Stand als eine umgestylte Riesenkiste auf vier Rädern ist. Ganz schön fesch. So muss er sprießen. Der Charme eines neuen Labels.

11:00 Boxenstopp hat sich zu eifriger Diskussion mit praktischer Testphase gewandelt, bei der nur zwei Fragen im Zentrum stehen: Passen die TOPP LAB-Mädels in die Riesenkiste und, wenn ja, wie viele? Randnotiz: Das Buchprogramm wird so ausgeflippt, wie seine Macherinnen drauf sind.

11:15 Auf dem Weg zum Blauen Sofa erspähe ich hibbeligen Mitzwanziger in aalglattem Anzug und Hipsterfrisur von vorhin. Er biegt zu den Hallen 4 ab und verschwindet zwischen Dienstleistungsausstellern für Verlage und Buchhandel. Jedes Jahr vergesse ich aufs Neue, warum ich so ungern durch Halle 4.0 schlendere. Let’s find out…again.

11:17 Halle 4.0. Ich vermisse (meine) Bücher.

11:30 Papeterie und Geschenke. JA-HA, es ist absolut notwendig, dass ich etwas kaufe.

12:05 Betrete das Forum, während Helene Hegemann gerade auf dem blauen Sofa nuschelt: „…das ist wirklich ein Verknalltheits-Psycho-Talk, entschuldige bitte.“ und „Man sieht ich bin in keinem guten Zustand.“

12:20 Weiß gar nicht, was das „Helenchen“ will. Ihr Zustand ist doch einwandfrei. Sieht manchmal etwas rührend traurig aus, aber macht sogar dreckige Witze.

12:35 Veranstaltungscheck: Boris Becker kommt heut nicht mehr! Wir sind in Sicherheit! Auch sonst keine Pseudo-Intellektuellen, die unerhört die Durchgänge verstopfen. Mein Arnold-Schwarzenegger-Trauma von letztem Jahr, bei dem ich mich unfreiwillig im Getümmel weder vor noch zurück bewegen konnte, sitzt tief.

12:45 Zeit für Plausch muss sein. Mit Bloggerin Judith von Tee & Kekse.

12:50 Der Vorsatz, sich ins Lesezelt zu begeben, wurde auf Grund beißend kalter Temperaturen hinfällig. Steige lieber in einen Messe-Shuttle mit lauthals siegendem Fahrer. Juhu, Privatkonzert.

13:00 Halle 8.0, Internationale Verlage. Vorwurfsvolle Blicke werden mit dem Logo auf der Säule am Penguin-Stand ausgetauscht. Vor allem von meiner Seite. Einfach mit Random House zu fusionieren. Da rotiert Charles Dickens ja im Sarg. „Literaturprostitution!“ murmeln und weiter.

13:30 Wuaaaaaah, The Jane Austen Handbook. Na gut, du bist nicht neu auf dem Markt, aber wie konnte ich dich vergessen? Ausgesprochen detailreiche und liebevoll zusammengestellte Tipps aus dem Austenuniversum für die Anwendung im Alltag. Danke, Quirk Books. Mr Darcy, Mr Knightley, Mr Ferrars und wie ihr alle heißt – es wird ein Fest. Übrigens aus derselben Reihe: The Sherlock Holmes Handbook.

13:25 Die nette Verlagsmitarbeiterin von QB und ich sind uns einig: Ein The Bronte Handbook wäre unglaublich depressiv.

13:35 Gefühlsbetonte Aussöhnung mit der Penguin-Säule. Miss Austen macht mich einfach sanftmütig.

13:45 Für 3,40 Euro könnten die zwei Frankfurter Würstchen mit bröseligem Brötchen ruhig ein wenig knackiger sein. Und das sage ich nicht nur, weil mich der Gedanke an Wuthering Heights melancholisch gestimmt hat.

14:00 Geh ins Forum, ham sie gesagt. Geh nach Brasilien, ham sie gesagt. Leg dich da in eine von den Hängematten, ham sie gesagt. An meine Tollpatschigkeit und die Möglichkeit, Hängematten als Kokon zu missbrauchen, um im Anschluss grazil wie ein Trampeltier auf den Boden zu purzeln, hat natürlich niemand gedacht.

14:30 Trotz Kokondebakel: Ich mag Brasilien!

15:00 In den Gängen in Halle 3.0 ist Gruppenkuscheln angesagt. Fühle mich zunehmend wie ein watschelnder Zeitgenosse aus Die Reise der Pinguine.

15:12 Kurzerhand beim Schlendern in 3.1 in Menschentraube feststecken geblieben. Manchmal ist es von Vorteil 1,82 cm groß zu sein. Grundgütiger, sitzt da Boris Becker?

15:13 Sofern sich Becker nicht neuerdings als Literaturfürst Martin Walser tarnt, können wir aufatmen.

15:30 Moderatorin Iris Radisch: „Abschließend können wir sagen, dass Ihr neues Buch eine gewisse Altersweisheit transportiert.“ Walser: „Das Alter können Sie ruhig weglassen.“ Gut. Mit jedem Wort, das gesprochen wird, komme ich mehr über das verstörende Bildnis von Goethe im letzten Abschnitt von Walsers Ein liebender Mann hinweg.

16:00 Juhu, Nerds! Tom Hillenbrand und Konrad Lischka plaudern in der Next Generation Area über ihre Crowdfunding-Idee Drachenväter und bezeichnen sich wiederholt mit Augenzwinkern als alte, dickbäuchige Rollenspieler. Hihi.

16:12 Versinke im wohl bequemsten Hocker der Buchmesse. Mit mir sinkt mein Blutzucker.

16:33 Ich hätte mich nie hinsetzen sollen.

16:35 Große Sorge, dass mein beabsichtigter 30-Sekunden-Powernap eventuell 24 Stunden gedauert haben könnte. Soeben Captain America über das Messegelände huschen sehen. Dachte, verkleidete Comic-Fans reisen erst Samstag an? Beiseite mit diesen Vorurteilen. Captain America ist vermutlich einfach eine Leseratte.

16:36 Puh, es ist noch Freitag! Danke, Smartphone!

17:00 Drei Kinder Pingui und ein Dextro Energy später und ich hänge schon wieder in der Next Generation Area ab. Noch hat der Amazon-Mann mich mit seinen Kindle Direct Publishing-Theorien nicht überzeugt. Aber man weiß ja nie. Womöglich bin ich am Ende seines Vortrags bereit, willenlos jegliche halbfertige Schreibfetzen der letzten 15 Jahre  als E-Book vermarkten zu wollen.

17:20 Nöö.

17:55 In Halle 3.0 geht die Post ab. Audio-Verlage drehen radikal Musik lauter, die sich ein bisschen, wie portugiesisches Weihnachtsgedudel anhört. Bei der Süddeutschen fließt schon der erste Feierabendalkohol. Bei den Kollegen am TOPP-Stand bekomme ich mit nur einem Blick ein Glas Sekt in die Hand gedrückt. Was gibt’s Neues? Wer hatte mit wem wann Termine? Gibt’s Buchwelttratsch? Und du, Eni? „Ich? War flanieren. Ganz professionell.“

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Ein Gedanke zu “Ein Flaniertag auf der Frankfurter Buchmesse

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