Buch vs. Film: Fear and Loathing in Las Vegas

Was haben wir der 1968er-Bewegung nicht alles zu verdanken: Woodstock, Gesellschaftslockerung, Flower Power, Miniröcke. Und mittendrin Hunter S. Thompson, den Doktor des Journalismus. Die meisten kennen nur sein Alter Ego Raoul Duke, der einst als Johnny Depp in blümchenübersätem Hawaiihemd und mit Zigarettenhalter zwischen den Zähnen Filmgeschichte schrieb. Dabei pulsiert im verqueren „Fear and Loathing“-Kosmos ein Wort, ohne dass wir heute gar nicht guten Gewissens bloggen sollten: Gonzo.

Der Gonzo-Journalismus: die subjektive Berichterstattung durch den Autor, welche Realität, Autobiografie und auch Fiktion verknüpft, nicht selten Schimpfwörter, Polemik, Sarkasmus oder Zitate nutzt und in den 1970ern von Gonzo-Papst Hunter S. Thompson (1937-2005) mit dem semi-autobiografischen Werk Fear and Loathing in Las Vegas (1971) begründet wurde. Der Schlüsselroman einer Sparte des New Journalism, die heute nicht mehr wegzudenken ist.

Wie schon bei Fight Club hieß es auch diesen Monat wieder Nicken und Zähneknirschen bei den BvF-Vorbereitungen, wenn Bekannte den Buchtitel erspähten. „Ah, Fear and Loathing. Das ist doch dieser Drogenfilm?“ Im Grunde steht dem nichts entgegen: Gras, Meskalin und Acid sind nur einige der Drogen, die ab Seite 2 stetige Begleiter eines abgefahrenen, in jeder Weise als Trip zu betitelnden Ausflugs des ultimativen Bizarro-Gespanns Raoul Duke und dessen Anwalt Dr. Gonzo sind, deren Ziel die Antwortfahndung einer ganz speziellen Frage ist: Was ist eigentlich aus diesem amerikanischen Traum geworden, von dem die 1968er nur so strotzten?

Es ist sicherlich kein Zufall, dass sich fast drei Jahrzehnte lang kein Regisseur an ein buchnahes Skript gewagt hatte bzw. die zähe Idee von einer Animationsverfilmung mit der Zeit langsam versiebte. 1998 dann kam Terry Gilliam, dem man bis dahin auch schon 12 Monkeys verdankte, es kamen auch Johnny Depp – eigenhändig vom echten Thompson erwählt und zum Glatzkopf gestutzt – und Benicio del Toro sowie die damals noch weniger bekannten Darsteller Tobey Maguire oder Cameron Diaz; es entstand der Kultfilm Fear and Loathing in Las Vegas.

Und heute? Da ziehen die einstigen Kinder der späten 1990er an ihren Marihuana-Stängchen, bevor sie, ganz Retro, dem Trip zweier durchweg zugedröhnter Typen im Heimkino auf der Klappcouch zusehen, bei „Wir können hier nicht halten, das ist Fledermausland“ losgrölen und eigentlich nur selten realisieren, dass ihr eigenes Zeitalter – voll von Subjektivität und Webblogs prallgefüllt mit Individuum-vs.-Welt-Geschichten – eine einzige Gonzo-Renaissance ist.

Buch vs. Film Fear and Loathing in Las Vegas: Schier unerträglich bizarr kann ein Film nur werden, der sich an Thompsons Worte hält. Denkt man zumindest, nachdem sich dessen LSD-geladene Lektüre noch frischgelesen in einem herumwälzt. Unglaublich, aber wahr ist jedoch, dass die erste Buchhälfte getreu der Vorlage von Gilliam und Crew visualisiert wurde. Johnny Depps einzigartige Mimik und dessen äußerliche Ähnlichkeit zum Original hätten besser nicht sein können. Erst zum Ende der Geschichte wird deutlich, was in der Literatur wirkt, das gonzoistische Drogenwunderland im Film jedoch leicht schluckt: die journalistische Hommage des Anti-American Dream. Immer wieder stolpert man in der zweiten Romanhälfte über Anmerkungen des Verlegers, der aus rechtlichen Gründen hier den Namen einen Drogengurus der 1970er nicht publizieren mag oder dort ein Tonband Thompsons weder transkribieren noch schlüssig machen kann, da selbst der Autor sich weigert, es zu lesen oder es wieder einmal unauffindbar ist. Herrlich, doch im Film unmöglich zu erfassen.

Exzessiven echten Literaturjournalismus erfährt der Leser, niemals einen reinen Unterhaltungsroman. „Fear and Loathing. Das ist doch dieser Drogenfilm, oder?“ Nein. Das ist die Geschichte über das Scheitern des amerikanischen Traums, über die Suche nach einer Antwort auf die Sinnfrage des tragikomischen Seins, über die Flucht vor all dem verdrehten Grotesken, das die drogenfreie Gesellschaft zu bieten hat, und über die Begründung des Gonzo-Imperiums.

Der Sieger: Die Tendenz zum dicken fetten unentschieden ist gigantisch. Bei einer erzwungenen Entscheidung jedoch: Buch. Ist und bleibt ein Schlüsselroman.

Alle Beiträge der Rubrik Buch vs. Film.

Text: E.E.Hausmann

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2 Gedanken zu “Buch vs. Film: Fear and Loathing in Las Vegas

  1. Pingback: Auf einen Blick: Bücher gegen Filme | Plan Elfenbeinturm

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