Buch vs. Film: Fight Club

Fight Club, Buch, Film„Du hast mich in einer seltsamen Phase meines Lebens getroffen.“ Einer der wohl populärsten Schlusssätze der modernen Filmgeschichte. Die Cinema nannte ihn einst eine „Splittergranate von Film“. Fight Club spielte weltweit über 100 Millionen US-Dollar ein. Doch begonnen hat der Hype, wie könnte es anders sein, mit einem Buch. Alles über die Symbiose zwischen zwei zeitgenössischen Erzählgenies und welche Frage eine Koluminstin zum Zähneknirschen bringen kann.

Es war einmal ein Jahrzehnt, sie nannten es die 90er, in dem die Buchläden als Startrampe für die heutigen Chick Flicks, die typischen Frauenfilme, genutzt wurden. Es war die Zeit, als die Ya-Ya-Schwestern ihr göttliches Geheimnis ausposaunten, als Anne Bancroft Winona Ryder einen amerikanischen Quilt flickte und Helen Fielding vermutlich ihre ersten Notizen für Schokokönigin Bridget kritzelte. Doch wo blieb das moderne soziale Rollenmodell, wo die gesellschaftlichen Verhaltensregeln für den Mann?

Es war daher auch das Jahrzehnt, als der amerikanische Journalist Chuck Palahniuk den namen- und schlaflosen, in Fan-Kreisen als Jack bezeichneten, Erzähler seines Erstlingswerks Fight Club (1996) erfand, der auf Tyler Durden trifft und in einen Strudel aus Generationsaggression, Gesellschaftshass und, ja, Unmengen Seife gerät. Bis auf Letzteres literaturgeschichtlich nichts Innovatives. Auch Palahniuk sagt von seinem Buchkonzept, es sei im Grunde eine tragische, aber „klassische alte Liebesgeschichte, nur ein wenig aktualisiert, um gegen Espressomaschine und Sportkanal eine Chance zu haben.“

Dann traf 1999 David Finchers Adaption (Das seltsame Leben des Benjamin Button, Sieben) den Nerv der Generation Fernsehen, der Generation Genügsamkeit, die „keinem Krieg und keiner großen Depression“ ausgesetzt ist und auch ich gestehe: Das Buch war vergessen, nachdem das Dreigestirn Pitt, Norton und Bonham Carter einschlug.

Wie sehr es unter den Menschen in Vergessenheit geraten war, verrieten mir während meiner BvF-Vorbereitung die eingehenden (meist männlichen) Blicke in Bus und Bahn, die mehrfach prüften, ob denn da von der jungen Frau tatsächlich Fight Club ‚gelesen‘ wird sowie auch die Fragen von Freunden und Kollegen. „Dazu gibt es ein Buch?“ oder „Ist das das Buch zum Film?“ (Letzteres führte zu Belehrungen meinerseits, die in der Regel mit einem dogmatischen „Wenn überhaupt: der Film zum Buch“ samt patriotischem Buch-gegen-Brust-Drücken endeten).

Buch vs. Film Fight Club: Doch was hat es denn nun auf sich mit der Geschichte über Prügelschweiß und Gesellschaftskritik, die, je mehr man über sie nachdenkt, zum Spiegel einer ganzen Generation wird? Fakt scheint, wer sich Palahniuks Worten widmet, bevor er sich Thriller-Guru Fincher, Pitt und Co. zu Gemüte führt, entgeht der üblichen Ernüchterung, die der Leser bei Literaturverfilmungen so oft empfindet. Alles, was Fincher in das Manuskript an neuem Szenenmaterial einflechtet, fühlt sich für den Romankenner nicht wie eine unerwünschte Ergänzung oder Veränderung des chronologischen Verlaufs von Palahniuks Lesestoff an, sondern wie eine betonende Hommage an dessen Fähigkeit mit der Leserpsyche zu spielen. Die Wirkung die Palahniuk mit Worten erzielt, untermalt Fincher mit visuell-schroffer Momenthaftigkeit, die selbst der Autor als ultimative Effizienz seines Werks beschrieb und die ihn gar neidisch machte (Interview mit Chuck Palahniuk).

Gefühlte 90% aller Dialoge und Sequenzen wurden übernommen und durch Finchersche inhaltliche Verknüpfungen vervollständigt. Die einzige wirklich wahrnehmbare Änderung scheint das große Finale zu sein, das im Gegensatz zum Film buchtechnisch eher mau, aber nicht weniger sozialkritisch ausfällt. Zudem entlockt der Film durch Brad Pitts häufig urkomische Tyler-Interpretation deutlich mehr Situationslacher als es die literarische Vorlage tut, in der die Ziellosigkeit des Erzählers dominiert. Während man über die grandiose Wirkkraft der drei Hauptdarsteller im Grunde gar nicht mehr zu diskutieren braucht, kann die seltene Symbiose, das Ineinandergreifen zwischen Palahniuk und Fincher, zwischen Literatur und Film bei Fight Club Seiten wissenschaftlicher Arbeiten füllen.

Der Sieger: Film oder doch Buch? Nein, diesmal der Film. Einschlägige und durchdringende, pure Krassheit – auf Papier und Filmrolle.

Alle Beiträge der Rubrik Buch vs. Film.

Text: E.E.Hausmann

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11 Gedanken zu “Buch vs. Film: Fight Club

  1. Oh – danke für diesen Post (und die Weiterleitung). Fight Club ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich das Buch nie gelesen habe.. das muss ich jetzt unbedingt mal nachholen!

  2. Dito. Hatte einfach nie mehr daran gedacht, das Buch zu lesen nach diesem genialen Film. Dasselbe gilt für den nächsten Teil (über Fear and Loathing). Also diese Kolumne zu schreiben erweitert meinen Lektürehorizont auf jeden Fall um einiges 😄

  3. Ich habe die Verfilmung von Fight Club bisher nicht gesehen, bin aber von meinem jüngeren Bruder auf den Autor Palahniuk aufmerksam gemacht worden. In den letzten Jahren habe ich fast alle seiner Bücher begeistert gelesen. Die Fight-Club-Verfilmung werde ich aber sicher auch noch ansehen.

  4. ja ich bin jetzt auch in nem palahniuk rausch 🙂 aber ich fand den film echt würdig. hab ich bei literaturverfilmungen in dieser form ganz selten. „Choke“ wurde ja auch vor einigen Jahren verfilmt. den muss ich mir auch noch anschauen.

  5. Also durch den Film ist das Buch anscheinend ziemlich untergegangen. Von der Existenz eines Buches habe ich bis dato gar nichts gewusst :O

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  8. Schöner Artikel zu meinem Lieblingsfilm! Das Buch habe ich hier auch schon seit längerem liegen, aber noch nicht gelesen. Kommt noch! Vielen Dank für die Erinnerung und diesen erfrischenden Artikel! Liebe Grüße!

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